Aus Freude am Biegen

Rohrbiegetechnik eine hochmoderne CNC-Freiformrohrbiegemaschine von J. Neu GmbH spielt eine Schlüsselrolle bei der Herstellung von Tragrohrsätzen bei einem renommierten Automobilbauer.
Die ursprünglich vom japanischen Mittelständler Nissin, Hersteller von Stanzfolgewerkzeugen und Kunststoffwerkzeugen, gebaute CNC-Freiformrohrbiegemaschine der J. Neu GmbH, Grünstadt, kann eine bewegte Technikgeschichte aufweisen.

TECHNIKTRANSFER
Als Nissin, das japanische 150-Mann-Unternehmen, die Unternehmenssparte »Rohrbiegemaschinen « aufgab, verließ der japanische Maschinenentwickler Yoji Tachikawa, vom eigenen Produkt überzeugt, seine Heimat Japan und wechselte zum deutschen Nissin-Vertriebspartner, der J. Neu GmbH, nach Deutschland.
Zusammen mit den deutschen Partnern und aktiv unterstützt vom ersten großen Kunden aus der Automobilindustrie, entwickelte er die interessante CNC-Freiformbiegemaschine für Rohre und Profile weiter. Dabei galt es vor allem, die Maschine den Technikstandards des europäischen Marktes anzupassen. Das Prototyping wurde von der J. Neu GmbH durchgeführt.

KOOPERATIV ZUM ZIEL
Der Kunde brachte sich aktiv in die technische Weiterentwicklung ein, da ihn das neue, inzwischen patentierte (Patent Nr. 03024256.4) Biegeprinzip überzeugte. Lieferte Nissin einst ausschließlich Dreiachs-Maschinen für den asiatischen Markt, geht die J.Neu-Entwicklung weiter - jetzt baut das deutsche Unternehmen die Freiformrohrbiegemaschine auch mit fünf Achsen und modifizierter, verbesserter Maschinentechnik.
Sie wurde auf der Euroblech im letzten Jahr erstmals einer breiten Fachöffentlichkeit vorgestellt.

EUROPÄISIERTE JAPANERIN
Gerade hinsichtlich der Entwicklung der Elektrik auf europäischen Standard wirkte der erste große Kunde, das BMW-Werk
Dingolfing, aktiv mit.
So galt es, die Elektrik zu »europäisieren«, denn sie entsprach so gar nicht den Vorstellungen der Automobilbauer, die in ihrer Produktion höchste Sicherheitsstandards geltend machen.
Die Maschinensteuerung von Mitsubishi musste ebenfalls sauber den neuen elektrischen Gegebenheiten angepasst werden. Nach Abschluss des Prototypings bei J. Neu steht die Freiformbiegemaschine inzwischen im BMW-Werk Dingolfing, wo die CNC-Freiformbiegemaschine derzeit noch manuell eingesetzt wird und pro Schicht etwa 400 Tragrohrsätze (400 linke und 400 rechte Bauteile) biegt.
Die so vorgeformten Stahlrohre werden anschließend in die IHU-Presse verbracht und fertig ausgeformt.

INTERESSANTES BIEGEKONZEPT
Das Prinzip der Freiform-Dornbiegemaschine von J. Neu - mit bis zu fünf CNC-Achsen - beruht auf einem Werkzeugkopf mit Keramikeinsätzen, der sich in sich so verstellt, dass das geschobene Rohr kontinuierlich gebogen wird.
»Durch das kontinuierliche Schieben des Werkstückes entfallen die Leerwege des Dornbiegens üblicher Dornbiegemaschinen. Das ermöglicht erheblich verringerte Taktzeiten«, erläutert Lothar Kummermehr, Mitarbeiter der J. Neu GmbH, das Biegeprinzip der neuen Freiformbiegemaschine.
Aber auch hinsichtlich der geringen Materialabstreckung und damit gleichmäßigeren Materialverteilung an den Radien glänzt das Freiformbiegeprinzip - übrigens eines der entscheidenden Kaufkriterien des Automobilbauers. Die ersten Prototypen der Stahlrohre mit 38 Millimetern Durchmesser und 1,8 Millimetern Wandstärke, die bei der J. Neu GmbH gefertigt wurden, fielen derart überzeugend aus, dass sich BMW für dieses Maschinenkonzept entschieden hat. Die kompakte Freiformbiegemaschine ist für maximale Rohrdurchmesser von 95 mm, bei 2 mm Wandstärke, ausgelegt. Ein Werkzeugwechsel auf einen anderen Durchmesser nimmt in etwa 30 bis 40 Minuten in Anspruch. Der Vorschub beträgt je nach Rohrdurchmesser bis zu 350 mm/min.

VOLLE INTEGRATION GEPLANT
Bis zur vollständigen Integration in die vollautomatische Fertigung sind jedoch seitens der Dingolfinger Automobilbauer noch einige Schritte nötig. Entscheidende Kriterien für den vollautomatischen Einsatz der Rohrbiegemaschine sind neben der exakten Reproduzierbarkeit der Rohrbögen auch die Prozesssicherheit. Beides wird derzeit im praktischen Betrieb genauestens evaluiert, denn auch hier gelten bei den Dingolfinger Automobilbauern allerhöchste Qualitätsmaßstäbe. Wenn die Maschine einmal voll integriert ist, dann wird sie wesentlich höhere Taktraten fahren, als im jetzigen manuellen Betrieb. Für dieses Biegeprinzip würde das sicher den Durchbruch im Markt bedeuten, denn was überzeugt potenzielle Kunden mehr, als ein erfolgreicher Einsatz im industriellen Maßstab?


BACKGROUND
SPEZIALISTEN FÜR DIE ROHRBEARBEITUNG
Die Jörg Neu GmbH betreibt die Entwicklung und Konstruktion, Herstellung und Lieferung von Maschinen und Werkzeugen für die spanende und spanlose Bearbeitung von Rohren und Profilen. In enger Zusammenarbeit mit den Kunden und namhaften Zulieferfirmen entwickelt Neu Komplettlösungen und Fertigungslinien für Teile, die in der Automobilindustrie, der Kälte- und Heiztechnik, der Möbelindustrie, der Fahrzeugindustrie, dem Maschinen- und Apparatebau, dem Stahl- und Metallbau etc. Verwendung finden. Zum Produktportfolio gehören Comco-Dornbiegemaschinen, Nissin-Freiformbiegemaschinen, Rohrendenbearbeitungsmaschinen, Doppelgehrungssägen/Sondersägen, Pedrazzoli-Metallsägen, Piccolo-Pendelsägen u. v. m.
Pressebericht BBR, Ausgabe 1.2007
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